Against Dubbing

World War Z

Seit Jahren nerven mich meine Freunde mit ihrem Zombie-Fetischismus. Sie schenken mir Spiele wie “Dead Rising” für die Xbox 360, empfehlen mir Fernsehserien wie “Walking Dead” jedes Mal, wenn ich sie sehe, und schwärmen mir vor, wie cool das alles ist, Zombie hier, Zombie da, und bei “Dead Rising” kann man Zombies mit einem Rasenmäher vernichten, wie cool ist das denn. Mich hat das eigentlich immer recht kalt gelassen. Womöglich wegen meiner allgemeinen Ablehnung gegenüber “grauslichen” Filmen, Horrorfilmen, etc. Und außerdem sind Zombies nicht realistisch. Den einzigen Zombie-Film, den ich mir jemals angeschaut habe, war “Shaun of the Dead” mit Simon Pegg und Nick Frost.

Und mitten in diese Ablehnung platzte “World War Z”! Ein Studienkollege hat mich auf einen Trailer aufmerksam gemacht, auf den neuen Brad Pitt Film, und aus irgendeinem Grund hat mich das Ganze ziemlich fasziniert. Ich googlete herum, fand die Literaturvorlage “World War Z – An oral History of the Zombie War” von Max Brooks, fand heraus, dass Max Brooks Mel Brooks’ Sohn ist, erfuhr, dass Max Brooks ewig lange recherchiert hat, um das Buch so realistisch wie möglich zu gestalten, und ich fand auch heraus, dass in der Literatur unüberlegte Übersetzungen von Buchtiteln gibt. So wurde aus “World War Z – An oral History of the Zombie War” im Deutschen “Operation Zombie: Wer länger lebt, ist später tot”. Selbstverständlich habe ich mir das Buch daraufhin auf Englisch gekauft. Und wer die Amazon-Reviews liest, weiß, was so ein dummer Titel anrichten kann: viele Leute kauften das Buch, weil sie dachten, es sei eine humorvolle Geschichte, in der Zombies vorkommen, und waren dann einigermaßen gelangweilt, weil es im Buch hauptsächlich um Politik geht.

Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, denn das Buch bietet für den aufmerksamen Leser sehr viele Überraschungen. Kurz: Max Brooks hat an alles gedacht. Im Buch reist er als fiktiver Agent der “United Nations Postwar Commission” und interviewt verschiedene Personen zum mittlerweile 10 Jahre zurückliegenden Zombie-Krieg, der die Welt an den Rand der totalen Vernichtung gebracht hat. So erfährt man, wie ein chinesischer Arzt mit dem “Patient Zero” in Kontakt geraten ist. Wie der Krankheitsverlauf ist (der Virus “Solanum” tötet den Patienten innerhalb einiger Stunden, dann erwachen sie wieder zum Leben und machen sich auf die Jagd nach Menschen). Wie die Krankheit trotz Quarantäneversuchen durch illegalen Organschmuggel und Flüchtlingen auf die ganze Welt verbreitet wurde. Wie Israel als einzige Nation der Welt die Bedrohung ernst genommen hat und sofort alle Grenzen dicht machte, was einen Bürgerkrieg auslöst und in vielen Ländern die Bedrohung als “Zionistische Verschwörung” gilt. Wie die USA die Bedrohung ignoriert hat, weil die Wiederwahl des Präsidenten anstand und man die Bevölkerung nicht wegen einer völlig unglaubwürdigen Bedrohung wie Zombies in Panik versetzten wollte. Schließlich scheitert die militärische Lösung der USA in großem Stil und die Armee wird von Zombies überrannt. Kuba wird zum reichsten Land der Welt und zu einer Demokratie. Die chinesische Diktatur zerbröckelt und Tibet wird selbstständig, Lhasa zur bevölkerungsreichsten Stadt der Welt. Und ein Regierungsagent der letzten Apartheit-Regierung Südafrikas entwickelt den Plan zur Weltrettung, den “Redeker Plan”, während die Besatzung der ISS während der gesamten Krise im Weltraum bleibt, um die Satelliten in der Umlaufbahn zu halten.

Das Buch ist hochinteressant, sehr komplex, manchmal zugegebenermaßen ein bisschen kitschig – eine abgestürzte Piloten zum Beispiel überlebt nur, weil sie ständigen Funkkontakt zu einer Frau hat, die ihr hilft, und am Ende – guess what  – stellt sich heraus, dass diese Frau schon seit ein paar Jahren tot ist oder nie existiert hat – aber es ist in meinen Augen absolut genial. Max Brooks hat sich wirklich die Arbeit gemacht, mittels existierender UN und Regierungsplänen für Katastrophenfälle von globalen Ausmaß ein sehr erschreckendes und nicht unrealistisches Szenario zu zeichnen, wie die Welt von einem Zombievirus beinahe völlig zerstört wird, und wie sie es schaffen, im Endeffekt die Zombies zu besiegen und den Krieg zu beenden. Mit furchtbaren Folgen für die Umwelt – die Wale sind am Ende des Krieges völlig ausgerottet, ein Atomkrieg zwischen Pakistan und Iran hat weite Teile des nahen Ostens nuklear kontaminiert, und die kopflose Flucht von Millionen von Zivilisten in den vor Zombies sicheren Norden (Zombies erstarren bei Kälte) hat weite Teile Kanadas total verwüstet, während Island völlig ausgerottet wurde.

Ich muss wirklich sagen, dass ich dieses Buch sehr genossen habe, innerhalb von wenigen Tagen durchgelesen, und selbst jetzt greife ich manchmal noch zum Buch und lese das eine oder andere Kapitel, weil ich wirklich fasziniert bin. Lest es! Es wird euer Schaden nicht sein. Und wenn man bei einem Kapitel festhängt, weil es nicht ganz den Geschmack trifft – kein Problem, überspring es einfach und lies das nächste, sie hängen nicht wirklich zusammen. Die verschiedenen Geschichten (“oral History of the Zombie War”) beleuchten die Jahre der Krise aus verschiedenen Blickwinkeln und lassen kaum einen Wunsch offen.

Und selbstverständlich wurde das Buch verfilmt, mit Brad Pitt in der Hauptrolle, unter der Regie von Marc Forster. Ich mag Marc Forster. “Quantum of Solace” war kein besonders guter Bond, aber wenn man den Kontext “Bond” ausblendet, bleibt ein verdammt guter Film übrig. Er ist ein sehr guter Actionregisseur, hat aber mit “Monster’s Ball” gezeigt, dass er auch Dramen gut in Szene setzen kann. Und mit Brad Pitt in einer Hauptrolle kann man sowieso wenig falsch machen, denn wer immer noch glaubt, dass Brad Pitt nur ein Schönling sei, war wohl seit 20 Jahren nicht mehr im Kino.

Nichts desto trotz bin ich dem Film gegenüber sehr skeptisch eingestellt. Da wären einmal die vielen Geschichten, die über die Produktion von “World War Z” im Umlauf sind. Zum Beispiel, dass der Film schon seit 2011 fertig sei, und dass im Sommer 2012 das Ende des Filmes neu verfilmt wurde. Mehrere Wochen wurde in Budapest nachgedreht. Außerdem hatte die Filmcrew dabei Ärger mit den ungarischen Behörden, weil scharfe Waffen und Munition ohne Genehmigung ins Land gebracht wurde. Wechselnde Drehbuchautoren, überzogene Budgets und ein immer wieder verschobener Starttermin zeugen ebenfalls von eher chaotischen Produktionsbedingungen.

Und die Trailer verraten zwar noch nicht viel von der Geschichte, aber das Buch scheint nur als vage Vorlage gedient zu haben. Nicht viel scheint übernommen worden zu sein, nicht einmal die physische Beschaffenheit der Zombies an sich. Im Buch eher langsame, dafür kaum aufzuhaltende und beharrliche Wesen, sehe ich in den Trailer immer sehr schnelle Zombies, wenn ich mich nicht irre. Das schaut auf der Leinwand natürlich besser aus, aber verändert das gesamte Gefahrenpotenzial, das von ihnen ausgeht. Im Buch heißt es, man könnte leicht vor Zombies fliehen, weil sie nicht besonders schnell seien, das Problem hingegen ist, dass man nicht die gleiche Ausdauer hat. Und, natürlich, das Problem im militärischen Kampf gegen Zombies ist folgendes: töten die Zombies einen von deinen Leuten, wird er zu einem Zombie. Tötet man einen Zombie, wird er zu einer Leiche. Das bedeutet, selbst kann man nur schwächer, die Zombies können nur stärker werden, im Sinne von numerischer Überlegenheit. Oder, wie es ein General im Buch ausdrückt: für Menschen ist es unmöglich, “totalen Krieg” zu betreiben, denn immerhin muss man schlafen, essen, kurzum: der Mensch hat körperliche Bedürfnisse, um die man sich kümmern muss, um kampffähig zu sein. Zombies betreiben totalen Krieg, denn ihre gesamte Existenz ist darauf ausgerichtet, Menschen zu töten. Sie brauchen keinen Schlaf, sie brauchen keine Verpflegung, sie brauchen nichts. Es gibt keine Befehlsstrukturen, keinen Präsidenten, den man insgeheim töten könnte, und die berühmte amerikanische Militärstrategie des “shock and awe” (“Schrecken und Ehrfurcht”) zeigt keinerlei Wirkung.

Deswegen bin ich im Moment nicht besonders überzeugt vom Film, wenn ich schnelle Zombies sehe, die Flugzeuge zum Absturz bringen, und wo es offenbar darum geht, dass Brad Pitt seine Familie beschützt oder so. Wie auch immer. Der Film startet ja erst in ein paar Monaten, vielleicht wird er ja trotzdem richtig gut. Trotzdem möchte ich nochmals, mit Nachdruck, das Buch “World War Z” allerwärmstens empfehlen, weil es sowohl spannend, hochinteressant und teilweise auch recht amüsant ist. Sollte der Film floppen, bleibt uns immer noch die hervorragende Literaturvorlage.


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